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Ein seidener Weltenglobus
 

John de Castle wagte es zunächst nicht, die Wimpern
anzuheben. Er wähnte sich in einem tintenschwarzen
Traum. Schließlich erwog er es doch, seine Lider zu
heben, denn die Neugier siegte. In sein Blickfeld trat
keineswegs etwas Erwartetes. Ein Meer aus getrockneter,
duftender Kalbslederhaut, vielschichtiger Fasern und ein zerfranster,
sphärischer Tintentropfen ragten über ihm aus.
 

Der Earl of Whitebury lag zu seiner Verwunderung auf etwas Weichem,
jedoch nicht auf einem Drachenhaarfl aum. Mit seinen Händen ertastete
er einen metallischen Gegenstand. Sein Verstand arbeitete. Sein
Degen. Er betrachtete in beinahe völliger Finsternis die Decke.
Nur das Flirren von Buchstaben schien seinen Aufenthaltsort zu erleuchten.
Unfassbar. Wie ist so etwas möglich? Buchstaben, die ein Eigenleben
besitzen?
 

Schwarze, illuminierte Tinte. Ein Labyrinth aus Glyphen. Ein Berg
aus Buchstaben schien ihn zu stützen, denn er hatte eine leicht aufrechte
Position und tastete mit der anderen Hand vorsichtig nach hinten. Und er
fühlte etwas Hartes und Feingliedriges.
 

Er fi el nicht um. Wenigstens eine halbwegs würdevolle Pose, um nicht
in sich zusammenzufallen. Um ein Mensch zu sein. Keine Puppe, die
sich um die Fäden eines anderen bemüht, der sie bitte aufrichten möge.
Nicht einmal der Hauch von Spinnweben oder anderen Fäden, die ihn
in etwas transformierten, was er nicht wollte. Sein Denken wurde klarer.
Wo bin ich? Er betrachtete seine Hände. Panik wallte in ihm auf, als er
erkannte, dass die Muster unter seiner Haut keineswegs Lichtbrechungen
waren, sondern sich mit seiner Haut verknüpften. Die Zeichen unter
seiner hellen Haut bewegten sich. War er besessen? Wie ein Lebewesen
schlängelten sich die Zeichen unter seiner Haut. Sie waberten gleich einem
orientalischen Muster.
 

Wie aufgetragenes Henna – nur ihn ihm – und als Worte, nicht als
Ornamente. John de Castle blickte an sich hinunter und erkannte eine
Veränderung in seiner Kleidung. Er setzte sich auf, soweit es die Decke
zuließ. Er trug eine schwarze Pluderhose, hohe, schwarze Schnürstiefel und ein dunkelrotes, weites Hemd – und zu seiner großen Überraschung
bemerkte er einen Turban auf seinem Kopf. Er nahm die Kopfbedeckung
ab und erblickte eine helle Straußenfeder. Dann betrachtete er sein vertrautes Antlitz in seinem Degen und ein Lächeln umspielte seine Lippen.
 

Die Kleidung des 19. Jahrhunderts war dieser freizügigeren gewichen,
doch es könnte schlimmer sein. Wenigstens war er nicht im Mittelalter
gelandet und womöglich gezwungen, eine scheppernde Rüstung zu tragen.
Doch wo befand er sich? John – hier bedeutete sein Titel nichts, dessen
war er sich als Mann ziemlich sicher. Er schaute sich weiter um und
bemerkte nun, wie sich die Decke über ihm in Falten legte und einzelne
Buchstaben über ihm hingen.
 

Er zupfte einen von der Decke und bemerkte, wie sich das Gebilde
von den Zellulosefasern löste und ein Tintentropfen auf seinem Handrücken
landete. Er schien sich mit den wabernden Mustern zu vermischen
und nun spürte er eine angenehme Wärme, die ihn durchströmte.
 

,, Worte. Dies sind die Glyphen einer mir fremden Sprache. Keine
Hennamuster, wie ich zunächst annahm. “ Er beherrschte zwölf Sprachen
und konnte viele weitere lesen, aber diese Zeichen erinnerten vielleicht
ganz entfernt an das Arabische, jedoch vermochte der Earl keinen Laut
zu entziffern.

Er stemmte sich etwas gegen die Decke und griff nach dem
Degen. John ließ ihn in seiner Lederscheide verschwinden. Etwas sagte
ihm, dass es nicht gut wäre, das Papier zu zerschneiden. Dann kam ein
Luftzug auf ihn zu und er hörte wieder die gleiche Stimme, die er schon
einmal hörte. ,, Die Scriptorien von Alassia “, flüsterte es wie ein Windhauch
zwischen den Buchseiten. Es dämmerte ihm, wo er sich befand.
 

,, Ich bin in dem Buch. Ich wurde aus meiner Welt in die Welt des Buches
gezogen. Aber, ich bin. Ich bin noch körperlich. Kein jämmerlicher
Schatten aus Papier und Tinte. Ich bin ein Mensch geblieben! “
,, Die Scriptorien von Alassia “, flüsterte die betörende, weibliche
Stimme wieder. Dann wurde er von einem heftigen Windstoß erfasst und
von seiner Position auf dem Buch weggeschleudert.
Betäubt kam er auf einem Stapel orientalischer Kissen wieder zur Besinnung.
Musik drang an sein Ohr und der Hauch von Zimt und Lavendel
drang in seine Nase. Dann umfasste eine Hand sanft sein Gesicht und er
erblickte mehrere orangegefärbte und gelbe Seidenvorhänge.
Diese wurden von einem leichten Windhauch erfasst und Licht drang in seine Augen. Es blendete ihn zunächst, doch dann schaute de Castle
auf eine Heerschar exotischer Mädchen, die sich in wiegenden Tänzen
seinem Blickfeld darboten.
 

Schwarzes, blondes, braunes und rotes Haar flatterte im Wind und er
vergaß für einen Moment, was ihm soeben wider fahren war, um die Szene
vor sich zu genießen.
 

Dieser Ort erinnert mich an die Märchen des Orients. Doch wenn
ich wirklich im Inneren der Scriptorien von Alassia bin, wo sind dann
Samun und Vorkeesa? Er konnte aus dem Augenwinkel sehen, wie sich
die Buchseiten, durch die er offenbar in diese Welt gelangt war, wieder
schlossen und der schwere Lederdeckel sich gleich einem Siegel darüber
legte. Seidenbahnen strichen über sein Gesicht und er riss sich vom
Anblick der sich wiegenden Schönheiten los, um das Buch noch zu erreichen,
doch je näher er ihm kam, desto kleiner schien es in der Ferne zu
werden. Ein winziger Punkt. De Castle stoppte und entfernte sich wieder
davon.
 

Das Buch wurde wieder größer. Ich befinde mich im ersten Band des
Buches. Dämonium. Schnell rief er sich wieder in Erinnerung, was im
ersten Teil geschah. Er musste dieses Wissen nutzen, denn vielleicht rettete
es sein Leben.
 

Samun und Vorkeesa. Sie waren die einzigen guten Wesen in dieser
von Zauberei beherrschten Welt. Nur ihnen konnte er vertrauen.
De Castle besann sich wieder auf seinen Titel und beobachtete den
Rhythmus dieser Schönheiten. Dahinter konnte er eine kleine Gestalt mit
einem Turban ausmachen.
 

Er stürzte sich in das Getümmel und es gelang ihm mit einigen Überschlägen
tatsächlich, vor der Gestalt zum Stehen zu kommen, ohne eine
der Damen anzurempeln. Bei genauerem Hinsehen erkannte er nun, dass
es sich um Haremsmädchen handelte, wie man sie aus alten Büchern
kannte.
 

1001 Nacht wird hier real. Ich befinde mich in der Mitte der Lotusblüte
eines Märchens. Die Seidentücher waberten durch die Bewegung und
verliehen der Szene etwas von einer Zeitlupenaufnahme.
Dann blickte er dem Mann direkt in die Augen und sah ein schwarzes
Feuer, welches darin loderte. Dieser klatschte, die Musik verstummte und
für einen Moment hörte man nur das Klingeln der Glöckchen, die sich an den Fußgelenkten bewegten. Die Mädchen waren bis auf einige Gürtel
aus Metallplättchen und ein paar Seidentüchern an Gesicht, Armen und
Hüften nackt. Der letzte Zipfel der Seide begann sein schlängelndes Eigenleben aufzugeben und passte sich wieder den Gesetzen der Gravitation
an. Dann schien ein Samuraischwert die Stille zu zerschneiden und
der Herrscher, John nahm an, dass es sich um den Herrscher handelte
– ergriff das Wort.
 

,, Ich bin Achmenaduzzan der Dritte. Der Sultan in dem Reich des
dritten Sturmes. Aber ich werde von allen » Achmen « genannt. Willkommen
in meinem Reich. “
 

Die Damen verneigten sich alle gehorsam und de Castle fand zaudernd
seine Stimme wieder. ,, Ich bin John de Castle, der Earl of Whitebury.
Ich bin durch das Buch hier hergelangt. “
 

Im gleichen Moment fiel ihm ein, wie unlogisch seine Erklärung diesen
Leuten vorkommen musste. Falls er sich tatsächlich in dieser vorgeschichtlichen
Zeit befand.
 

Er durfte die Zeitlinie nicht verändern. Der Sultan machte eine einladende
Handbewegung und de Castle entspannte sich etwas. ,, Wer immer
Ihr seid, John de Castle, ich lade Euch ein, mein Gast zu sein. Und was
dieses Buch betrifft.
 

Es ist das große Mysterium unserer Geschichte. Mit einer Handbewegung
schickte er die Tänzerinnen fort und sogleich kamen einige dunkelhäutige
Mädchen mit bronzenen Tabletts, auf denen einige exotische
Früchte und Wein, vermischt mit Wasser, in Kelchen standen.
 

De Castle nahm etwas misstrauisch eines der silbernen Gefäße und
wartete unauffällig, bis der Sultan zuerst trank. Erst dann kostete er von
dem Getränk. Es schmeckte leicht süßlich, eher wie Nektar, als wie Wein.
Die dunkelhäutigen Mädchen hatten schwarzes, krauses Haar, das
sie mit vielen Edelsteinen schmückten und trugen einige Perlen um die
Brüste und die Hüften. De Castle wandte den Blick von so viel weiblicher
Freizügigkeit ab und die Mädchen verließen den Raum wieder. ,, Ihr
seid aus dem Buch dort gekommen. Die geheiligten Seiten des Buches
haben Euch gesandt “, sprach Achmen. ,, Ihr habt es gesehen? Ich dachte
schon, Ihr würdet mich für verrückt halten. “
 

,, Aber nein. Das Buch flüstert schon länger. Es ist ein Mysterium. Es
stammt noch aus der Elfenbeinbibliothek und ist eines der Exemplare, die noch aus den Zeitaltern der Vormenschen erhalten sind. Das Buch ist
über 5000 Jahre alt. Eines der Bücher, die am besten erhalten sind, von
den Scriptorien von Alassia. “ John de Castle brachte ein Lachen über die
Lippen. ,, Die Elfenbeinbibliothek. Kann ich sie sehen? Wo ist sie? “ ,, Ruhig.
Sie ist weit von hier entfernt. In ihr befindet sich alles Wissen aller Zeitalter. Ein Hüter bewacht dort die sagenumwobenen Schätze der Weisheit. Gerne könnt Ihr sie besuchen, aber ich rate Euch, nicht allein zu gehen. In ihrem Inneren ist es gefährlich. “ De Castle unterdrückte ein leichtes Gähnen. Vermutlich wirbelte ihn die Reise in dieses Land, die Reise nach Alassia mehr durch, als er dachte. Ich bin in Alassia. Ich befinde mich im Inneren der Geschichte, die ich gerade las. ,, Eines der Mädchen wird Euch zu einem Gemach begleiten. Ihr seid mir als mein Gast willkommen. “ Eine schwarzhaarige Schönheit trat in Johns Blickfeld und er folgte dem Mädchen.
 

Morgen würde sich alles klären und seine Verwirrung hoffentlich etwas
nachlassen. War dies wirklich die Realität oder lag er immer noch in
seinem Bett, seine Hunde zu seinen Füßen und träumte friedlich?
De Castle spürte nun, wie müde er tatsächlich war und dankte dem
Mädchen, ehe er sich auf das breite Bett setzte, die seidenen Wandbehänge
und den Marmorfußboden mit den orientalischen Arabesken musterte
und die Stiefel auszog.

Der Duft von Orangen und Feigen wehte durch das Fenster hinein und erfüllte den Raum mit einer Brise würziger Exotik. Er beschloss, in seiner Kleidung zu schlafen und löschte die Öllampe, die den Raum mit einem schwachen Flackern erhellte, ehe er unter die purpurne Bettdecke schlüpfte und hoffte, am nächsten Morgen wieder in seinem vertrauten viktorianischen Haus mit seinen beiden Hunden aufzuwachen.

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