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Die offizielle Leseprobe:

"Im Zeichen der Libelle"

 

Im Zeichen der Libelle


ER lächelte, als er erwachte. ER erwachte im Zauber einer
geisterhaften Nacht und kleidete sich an. Er streifte einen seidenen
Anzug mit einem weißen Hemd über seinen muskulösen
Körper.


Die anderen sonnten sich im träumenden Bad ihrer Lieben
und seufzten zufrieden darüber, endlich wieder mit ihnen vereint
zu sein, wenn diese von der Jenseitswelt an diese Pforte pochten.
Die Kerzen erloschen und der verheißungsvolle Zauber der
Nacht erstarb.


Die Lebenden fühlten sich glücklich, weil sie für eine Epoche
wieder mit ihren Lieben vereint wurden. ER besaß ein kristallenes
Herz aus purem Eis, das von Kapitellen, Ornamenten aus
reiner Lust, ummantelt wurde.


Ja, pure, reine, sengende Lust. ER hatte viele negative Assoziationsketten
von sengender Leidenschaft. Ihn prägte etwas,
denn zu wahrer Liebe war ein Wesen wie ER nicht fähig.
Dazu war seine Seele viel zu sehr von den kristallenen Sphären
des Nichtmenschlichen umwuchert und doch war er ein
Mensch, wie all die anderen Wesen dort draußen. ER setzte
sich in seinen DeLorean und ließ die anderen in den Fängen der
Schlafummantelungen noch ein wenig ruhen. Sie die Präsenz
der herbeigerufenen Verstorbenen genießen.


Sie das Schließen der Wunden genießen, die niemals wirklich
heilen würden, denn nur eine vergleichbare Seele, wie die des
Toten, vermochte diese Verletzungen zu kurieren.


Wenn sie zurückkehrten aus dem Jenseits, um das Ambrosia
der Liebe wieder zu geben. Um das blutende, wimmernde
und dem Wahne nahe Leben ihrer Verwandten wieder mit einem
Sinn zu versehen. ER ließ den Motor an und der V8 Zylinder
heulte auf. Eine Spezialanfertigung.

Der DeLorean besaß die Fähigkeit, absolut lautlos zu fahren.

Deshalb wurde er von ihm häufig als » die Katze « bezeichnet. Auch die Farbgebung des Fahrzeugs konnte von Schwarz zu Silber und zu Weiß verstellt
werden. Aber diese Modifikationen setzte ER nur in besonderen Fällen
ein, wenn es seine Mission erforderte. Derzeit glich ER mehr
einem Gespenst, einem Phantom, als einem Wesen mit einem
keuchenden Atem.
 

Heute Nacht würde sich das genaue Gegenteil dessen ereignen,
was ER gestern Nacht praktizierte. Dies geschah nicht aus
wahrer Liebe, sondern aus einem brennenden Wunsch heraus,
dass genaue Gegenteil dessen zu tun, was gestern Nacht passierte.
Sein Herz war gespalten. Heute verformte es sich wieder zu
einem steinharten Diamanten.


Gestern wurde es von Liebe verzehrt. ER war voller Gegensätze.
Und ER hinterließ niemals Spuren. ER drückte das Gaspedal
durch und sah zu seinem kleinen Fläschen und einer Reihe
von Abziehbildern neben sich, die ER immer mit sich führte.
Denn ER ersann eine neue Taktik.


ER besaß ein Tattoostudio von dem niemand etwas wusste,
denn bezahlen oder etwas in Auftrag geben konnte er nicht.
Selbst mit uncodierten Geldscheinen käme ihm die Polizei irgendwann
auf die Spur.


Auch die Kripo bestand nicht aus Trotteln. Mit der einen
Hand strich ER über eines der schwarzen Tattoos. Er liebte Rituale,
uralte Formeln und okkulten Mystizismus. Er liebte alles,
was mit dem Übernatürlichen zusammenhing, denn er war selbst
ein Phänomen der besonderen Klasse.


ER schaltete seinen DeLorean in den Unsichtbarkeitsmodus
und parkte ihn in einer schmalen Gasse. Seine Schuhsohlen waren
mit einem besonderen Material überzogen, welches keinerlei
Fußabdrücke hinterließ.

ER trug Handschuhe, hinterließ also keine Fingerabdrücke und so etwas wie Haare oder Hautschuppen verlor ER auch nicht. Denn ER besaß keine DNA. Nichts,
was die Polizei verwenden könnte. Etwas wehmütig dachte ER
an seine vielen Messer, die zu Hause in seinem Schrank lagen.
Seine geliebte Sammlung antiker Waffen. ER liebte das Militär
und war sehr gebildet.


Aus diesem Grund war ER der Kripo auch immer einen
Schritt voraus, sorgsam darauf bedacht, keinen Fehler zu machen.
Sie würden ihn nicht kriegen. Niemals. Denn er war wie
ein Schatten. Mehr noch als ein Schatten. Er besaß keine Identität
und doch hunderte davon.


Ebenso wie die vielen wechselnden Gesichter, die er anzunehmen
gedachte. Schlaf benötigte Er auch keinen, denn das
deutete auf Sterblichkeit hin.


ER war nicht unverwundbar, aber die paar Kugeln der Polizei
verursachten nicht einmal einen Kratzer und doch war sein
Fleisch warm und sengend heiß wie ein Vulkan, zugleich, wenn ER
zuließ, dass ER im Feuer der Leidenschaft verzehrt wurde.
ER steckte die Tattoos sorgsam in seine linke Jackentasche
und verschwand aus dem DeLorean. Dieses Mal würde ER nicht
einbrechen und auch nicht die Haustür benutzen.


Das wäre viel zu leicht. ER würde seine Fähigkeiten einsetzen.
Mit einem gekonnten Blick durch die Wände, erkannte ER,
dass sein Opfer allein war.


Dann näherte ER sich einer Wand, kletterte blitzschnell hinauf,
denn an seinen Handschuhen waren kleine Widerhaken
befestigt. Dann stand in einem dunklen Raum, der von schummrigem
Licht erhellt wurde.


Eine Frau lag auf dem Sofa und schaute ihn verblüfft an. Sie
kannte ihn nicht, aber sie schrie auch nicht, als sie ihn erblickte.
Im Zeichen der Libelle. Es ist immer viel zu schnell vorüber. Er
stand vor ihr und schenkte ihr ein Lächeln. Die Frau erhob sich und er entfaltete seinen besonderen Charme. Kein weibliches
Geschöpf vermochte ihm zu widerstehen. Niemand vermochte
sich ihm zu entziehen. Dann tastete ER mit seinen Fingern nach
ihrer Seele und spürte das zerbrechliche Gebilde in seinen Fingern.
ER war nicht für Brutalität gekommen. Er war Cupido und
würde ihr eine unvergleichliche Nacht schenken.

Die Frau lächelteihn an und trat auf ihn zu.
Er stand völlig regungslos vor ihr und atmete gleichmäßig.
ER dachte an sein sorgsam ausgeführtes Ritual, das ihm in seiner
Seele Liebe schenkte.


Damit seine Seele nicht zerbrach, unter seinem Vorhaben in
tausend Scherben zerfiel. Die Frau trat auf ihn zu und schenkte
ihm ein Lächeln.


Behutsam strich ER ihr langes, blondes Haar über die Schultern
und küsste sie. Im Zeichen der Libelle. Es ist immer viel zu schnell vorbei,
denn meine Existenz ist der Grund dafür. Mein unschuldiges Dasein,
für das ich nicht verantwortlich bin. 
Nach ein paar Stunden seufzte ER und strich ihr über ihre seidige Mähne.

,, Es ist leider nicht zu ändern, mein Liebling.
Ich kann nichts dafür, was oder wer ich bin. “


Mit diesen Worten und einem tiefen Bedauern im Herzen
verabschiedete ER sich von ihr und kleidete ihren Leib in den
schwarzen Seidenkimono, den sie getragen hatte.


Dann entblößte ER ihre Schulter, befeuchtete das Tattoo mit
destilliertem Wasser und drückte sorgfältig das Zeichen der Libelle
auf ihren Arm. ER dachte an den Brief in seiner Manteltasche,
entschied sich jedoch, ihn nicht bei dem Opfer zu lassen.
Die schwarze Libelle auf ihrem Oberarm gab der Kripo genug
Rätsel auf, darauf konnte ER sich verlassen.

Noch einmal blickte ER sich in dem kleinen Zimmer um und besah die teuren,
antiken Gegenstände in der Vitrine.


ER war kein Dieb. Niemals.
ER war auch kein Verbrecher.
ER war nur ein Günstling.


Mehr nicht. Jemand, der Freude schenkte. Für den Ausgang
konnte ER nichts. Seufzend verließ ER das Haus auf demselben
Wege, auf dem ER gekommen war. ER benutzte nun einen Tarnschirm.
Die neueste Technologie von seinem Versorger. ER kannte
ihn nur unter dieser Bezeichnung. Ein Typ, der ihn immer schützen
würde und niemals verriet, ihm aber stets die brandheißeste
Technologie besorgte, noch bevor sie überhaupt auf dem Markt
war.


Auch dieser Tarnschirm gehörte dazu. Etwas, das er am Leib
trug. Nur die Augen seiner Klienten vermochten ihn wirklich zu
sehen. Den Ausgang bedauerte ER jedes Mal, doch auf Grund
seiner Herkunft und seines Wesens, vermochte ER ihn nicht zu
ändern.


ER stieg in seinen DeLorean und dachte an den Brief, der
noch in seiner Manteltasche ruhte. Sein Auto sprang absolut geräuschlos
an und fuhr die Straße entlang. Das letzte, was Er vor sich sah, war das Lächeln der Frau. Der Ausgang des Abends hätte anders ein können, wenn ER nicht ER wäre.


Mit Tempo hundertsechzig fuhr ER im getarnten Modus wieder
zu seinem Haus zurück. Wieder eine Nacht, in der etwas
geschehen war. Das genaue Gegenteil dessen, was ER eigentlich
wollte, denn seine Seele war zwar gefroren, aber trotzdem
vorhanden. Er legte seine Kleidung ab und warf den Brief in
die Flammen des Kamins. Dann betrat ER das luxuriöse Badezimmer
und drehte das Wasser auf. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.  In diesem Jahrhundert war das Ganze viele zu leicht. Niemand sah ihm an, dass ER etwas anderes als ein Mensch war, doch die schlichte Wahrheit lautete:


ER besaß keine DNA. Nichts, was jemand finden konnte.
Nach dem Duschen, trocknete ER sich mit einem blauen Seidenhandtuch
ab und legte neue, maßgeschneiderte Kleidung an. Danach kehrte ER in den Keller zurück und gab einen Tropfen seines unsterblichen Blutes in einen Kelch. Das Gefäß füllte sich bereits.


Dieses Gebäude war auf keiner Karte und bei keiner Regierung
registriert, denn es existierte praktisch nicht, ebenso wie
sein Besitzer.


Es verfügte ebenfalls über die neuste Technik, wie der DeLorean.
ER dachte an seine fein sirrende Seele, die in seinem Inneren
wieder pochte. ER lauschte ihren Klängen, denn die Seele
war das einzige auf der Welt, was ER wirklich liebte.
Die Tattoos und das destillierte Wasser verschwanden in der
Nähe eines Wandfachs neben den Samuraischwertern. Er strich
über die polierte Klinge und lächelte.


Dann betrachtete ER seine Sammlung antiker Vasen, Statuen
und surrealistischer Gemälde, die zu interpretieren ihn Stunden
kosten konnte. Für den Zerfall der Zeit dachte er sich etwas Besonderes
aus.


Verschiedene Zeitmesser standen in einer Vitrine in der Mitte
und auf einem großen Teppich lag Dalis » Die Zeit fließt «,
ein surrealistisches Gemälde, das als Teppichmuster eingewebt
wurde.


Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er den seidenen Anzug
fallen ließ und sich in dem großen Spiegel betrachtete, der in
seinem Wohnzimmer stand.

,, Mein Name ist Blut. Mein Name ist unsichtbar. Ich bin ein Geschöpf der Bruderschaft der Unsichtbaren Rose. “

Dann griff ER zu einem Gefäß mit Weihwasser und sprengte
es sich über die Schultern. ,, Reinige mich. Ich habe nur meine
Seele. “ Sein Atem beschleunigte sich etwas, als ER das schwenkende
Objekt wieder abstellte.


Nur Stille erfüllte den Raum und Er spürte, wie sich seine
Seele entspannte und aus den schattigen Auen des Bösen hervor
kroch um sich ihm als der Schild des Guten zu präsentieren.
ER lächelte, trat zum Kaminfeuer und sah zu, wie der Brief
von den knisternden Flammen verzehrt wurde. Immer noch ohne
Kleidung griff ER nach einem der umher liegenden Samurai-
Schwerter und machte ein paar Übungen.


Dann schlüpfte ER in einen schwarzen Seidenkimono und
straffte seine Schultern. ER trat zu dem kleinen Altar seines
Hauses und entzündete eine rote und eine weiße Kerze.
Der Rauch stieg zur Decke des Appartements auf und draußen
knisterten die leisen Wellen der Nacht, denn ein Sturm zog
auf und ein Orkan bedeutete stets eine besondere Art der Reiningung.

 

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