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Hier ist eine exquisite Kostprobe aus dem sechsteiligen Zyklus "Versium":

 

Zweite Szene
 

In einer Laube.
Hellir tritt auf, der Geist der
vergessenen Rose steigt auf.
Die vergessene Rose:

 

Entsiegelt die Gruft der Liebe,
Hebt den Sargdeckel und lasst
Die Sonnenstrahlen erfrorʼnes
Herz enttauen, das Eis so kalt bedeckte.
Bitte, Hellir, ich bin Rose, die Nachtigall,
Deren Schönheit als einziger Ihr saht.
Der Trug, die Tarnung mag manchen
Menschen narren, ich war gewillt
Im Tod als Geist zu wachen.
 

Hellir: Welcher Spuk legt
Dem Leben solche Kleidung an? Der
Rost darf Eisen rasch verzehren, die
Kerzenflamme nach dem Wachse gieren,
Ich jedoch, vertrage Liebe, Seelenfluss,
Schon langʼ nicht mehr. Cupids Ruf
Erscheint wie Galle mir, ich bitte Euch,
Holde Maid, auch wenn an unserʼn
Blick Ihr glaubt, bließ meine Bestimmung
Verlangen hurtig aus.
 

Die vergessene Rose:
Durch den Spion, das Schlüsselloch
Erspähte ich die zarte Blüte einer
Liebe. Hellir, Ihr seid ein Mann,
Des Jünglings zarte Glieder in
Zehn Jahren kraftverbrämt und
In Schönheit nun gewandelt.
Das Verzeihen gebiert mein Herz im
Übermaß, der Rufs des Kuckucks tönt
Bereits und die Laubenschatten mögen

Spender des Vereinens sein. Wie ein
Schleier bricht sich mein zartes Glied
Am Geisterchor. Der Schatten verleiht
Mir Substanz, bitte, Gönner, Dichter,
Haltet mich, Rose im Geplapper nicht
Für eine dröge Gans.
 

Hellir: Ich zweifle nicht
An Eurem Herzen oder Euer Absicht,
Werte Rose, den indirekten Antrag
Zur Vermählung oder, beim Missverzeihen,
Vereinigung, lehne ich ab. Kein Mensch
Darf mit Liebe mich verletzen, der Faden,
Der mein Herz von dieser Kluft könntʼ
Nähen, muss erst erfunden werden,
Darum weise ich Euch gleich zurück,
Bevor das Kielwasser der Augen
Über die Ufer tritt und Ihr mein
Herz durchnässt mir lasst und
Ich es in der Sonne trocknen muss.
 

Die vergessene Rose:
Von wem erbtet Ihr nur solchen
Starrsinn? Ihr sprecht von Liebe
Wie von todbringender Seuche!
Als Geist ist mir die Schamesröte
Nicht gestattet, auch kein Angriff,
Der mit Schwert und Degen an
Wortes Platz wird ausgefochten!
Es ist Verschwendung der Natur,
Solch herrlichen Adonis zu gestalten
Und ihm des Cupids Flügel zu stutzen,
Unempfänglich für Pfeile seines Bogens!
Hellir: Verehrte Maid, Rose, ich sah es anfangs
Als Bedauern, als Kopfsteinpflaster, Mühlenstein,
Nicht zu lieben, nach Nißroms Rede relativiert
Sich dieser Fluch. Warum, werdet Ihr Euch fragen.
Ich bin kein Schuft, der Euch mit Reigen,

Schmeichelnder Poesie umgarnt, um Euer
Herz nach Launʼ zu brechen. Meine Liebe
Gehört dem Vers aus gutem Grund:
Als Morlaine mich nach 7 Tagen gebar
Und von dem Schöpfungsblut die Erkenntnis
Um mich lüftete, setzte sie mich aus.
Brunis und Wönis wurden Eltern mir,
Doch mein Tintenherz verblutet unter
Romantischʼ Liebe, dem Hauch
Der Sterblichkeit.
 

Die vergessene Rose:
Auch wenn ich nun verstehen kann,
Warum Ihr die Abstinenz erwähltet,
Vor der Menschen Liebesnähe.
Ihr seid ein Mensch, der Vers jedoch
Ist Eure wahre Braut, in jeder einzelnen
Hochzeitsnacht, die nie die Jungfrau
Mit Euch teilt, noch Keuschheit,
Jugend, Reinheit als Brautstrauß
Darbietet.
 

Hellir:
Selbst Helenas vielgepriesʼne Schönheit,
Trojas Krieg, Odysseusʼ List und Parisʼ
Schlachtenruf, könnten die Dichterseelʼ nicht
Zwingen, einem Menschen als Liebʼ sich zu
Verdingen und am Joch der Sterblichkeit,
Klagendʼ, wimmerndʼ, wie eine Sirene singen.
Ich möchte leben und übe Verzicht.
 

Die vergessene Rose:
Einsam und betrübt, melancholischʼ
Scheide ich ins Geisterreich. Ich trug
Ein Amulett, eine Herzschatulle auf
Dem Herzen, den sturen, verknöcherten
Mann zu erweichen und mit Engelszungen
Zu erreichen. Das Tosen des Liebesfeuers
Habt Ihr an einem Tag entfacht, fürʼs

Tränengießen bleibt mir die Ewigkeit,
Die laue Nacht.
 

Hellir: Amen.
Schließt das verdorte, blutendʼ
Herz in Euer Gebet mit ein. Hebt den
Deckel des Sarges einmal und erfreut
Am Rosenmarmor Euch, denn konservierte
Schönheit währt am längsten. Das Pflänzelein
Der Liebe erzog zu tugendhaftem Fräulein Euch
Und reigt im Traum die Frucht der Seele.
(Hellir küsst ihre Hand)
 

Die vergessene Rose:
Die Balz der Liebe ist gestorben,
Seid Ihr ein echter Kavalier, der
Eine Morgenröte zu verzücken weiß?
Mir bleibt bei so viel guter Erziehung,
Der Gruß von fern, dem Grab. Vergangʼner
Adonis, der Liebʼ uns nicht erlaubt, vom
Grab verfolge ich, wie Rose an sich glaubt.
 

(sie verschwindet, Hellir seufzend ab)